Die „Ratinger Jonges” restaurierten den Dicken Turm

Als der größte Heimatverein der Stadt, die „Ratinger Jonges”, am 11. Februar 1957 gegründet wurde, ahnte man nicht, wie der Verein sich bis heute entwickeln würde. Die Pflege heimatlichen Brauchtums und die Förderung alten Kulturgutes, die Bewahrung Ratinger Mundart, die Erhaltung historischer Gebäude, die Erinnerung an Geschichte und Legende unserer Stadt, das hatte sich der Verein auf die Fahne geschrieben. Aber zu den Hauptaufgaben des Vereins zählen Patenschaften, Restaurierungen und Sanierungen historischer Gebäude.

Der Verein blieb bis heute diesen Vorsätzen treu. Erinnert sei hier nur an das Relief zur Ratinger Stadtgeschichte am Südgiebel des Bürgerhauses, an den Porticus auf dem Ehrenfriedhof, den historischen Stadtrundgang und vor allen Dingen an die Restaurierung der Hauser Kapelle. Die ehemalige Kapelle der Wasserburg Haus zum Haus war durch den Bombenangriff vom 22. März 1945 erheblich beschädigt worden. 1986 haben die Jonges aus Vereinsmitteln die Kapelle vollständig renoviert. Hier zeigte der Verein erstmalig, wie durch Initiative Ratinger Bürgern ein  Baudenkmal erhalten werden kann.

2003 entstand dann unter Baas Karl-Heinz Dahmen die Idee, den Dicken Turm zu sanieren.

Der Dicke Turm ist einer der fünfzehn Wachttürme in der Stadtmauer, die im

15. Jahrhundert errichtet wurden. Er ist dreizehn Meter hoch, und sein Mauerwerk misst mehr als drei Meter. Mit den anschließenden Mauerresten, dem Stadtgraben und der zweiten Stützmauer lässt sich die Bauweise der Befestigung hervorragend nachvollziehen. Bereits 1439 begann man mit dem Bau des ersten Wachtturms, des Taubenturms. Der Dicke Turm, ca. 1460 fertiggestellt, war der größte der Wachttürme, woher auch sein Name rührt. Er war demnach wohl der nach Westen gerichtete Batterieturm. Zahlreiche Narben, die Stein- und Eisenkugeln im Mauerwerk hinterließen, zeigen, wie trutzig er manche Belagerung überstand.

Aber die Wachttürme verloren immer mehr an Bedeutung, und mit Ausgang des Mittelalters schritt der Verfall der Türme schnell voran.

Am 23. Februar 1901 schrieb der damalige Bürgermeister Peter Jansen an den Landrat des Landkreises Düsseldorf, dass ihm eine Eingabe einer größeren Anzahl von Einwohnern der hiesigen Stadtgemeinde zugegangen sei, durch welche die Niederlegung des sogenannten Dicken Turmes beantragt wird. Als Begründung werden eine weitere Bebauung sowie auch der Ausbau der Straße angeführt. Der Turm bilde somit ein Verkehrshindernis, dessen Beseitigung erwünscht wird. Ein Ersuchen des Landrates an den Provinzial-Conservator Professor Dr. Clemen wurde wie folgt beantwortet:

Der sogenannte Dicke Turm gehört zu den mittelalterlichen Befestigungsanlagen der Stadt Ratingen, welche mit wenigen Lücken noch beinahe die ganze Stadt umgeben. Und zwar ist mit Rücksicht auf seine Form bestimmt anzunehmen, dass der Dicke Turm noch ein Teil derjenigen Befestigungen ist, welche sofort nach der Erhebung Ratingens zur Stadt im Jahre 1296 angelegt wurden. Es ist ihm deswegen nicht nur von lokalgeschichtlichen Standpunkten eine Bedeutung zuzusprechen, sondern er gehört neben denen von Köln und Neuss mit zu den ältesten erhaltenen Stadtbefestigungstürmen der Rheinprovinz und beansprucht darum allgemeines Interesse. Eine Erhaltung ist aus diesen Gründen wünschenswert, denn der Turm präsentiert sich, wie die ganze angrenzende Mauerpartie mit ihrem breiten, vorliegenden Graben sehr malerisch. Es müßte deshalb zu den Zielen einer weiter ausschauenden Stadtverwaltung gehören, diese malerischen Überbleibsel, die zu den größten Anziehungspunkten der Stadt gehören, zu erhalten und sie im Bebauungsplan zur Schaffung von malerischen Straßenbildern zu verwerten. Es kann nicht der Zweck der Denkmalspflege sein, alle und jeden Teil der Stadtbefestigungen zu konservieren, aber hier ist die Ummauerung samt Graben und Turm beinahe lückenlos erhalten. Es müßte deshalb im Interesse der Stadt sowie der Denkmalspflege liegen, dass der Herr Bürgermeister der Stadt Ratingen den Erhalt der historischen Anlagen im Rahmen des neuen Bebauungsplanes veranlasst“.

Aber erst 1981/1982 wurde der Turm auf seine ehemalige Höhe aufgemauert sowie der Stadtgraben und die Stadtmauer auf Veranlassung des damaligen Stadtdirektors Dr. Alfred Dahlmann saniert.

1990 versuchte erstmalig ein Verein, und zwar die "Anger-Garde", den Dicken Turm nutzbar zu machen. Nach ersten Reinigungsarbeiten sollte es zügig mit weiteren Sanierungsarbeiten vorangehen. Aber seit dieser Zeit wurden am Dicken Turm immer wieder Schäden behoben, aber mehr als Ausbesserungen kamen dabei nicht heraus.

Fast drei Jahre, nachdem die Idee 2003 geboren wurde, schwirrte das Projekt in den Köpfen der "Ratinger Jonges" herum, bis das Thema auf der Jahreshauptversammlung 2006 als Tagesordnungspunkt zur Debatte stand. Trotz kontroverser Diskussionen sprachen sich die Mitglieder mit überwältigender Mehrheit dafür aus, den Dicken Turm zu restaurieren.

Mit der Stadt Ratingen und der Unteren Denkmalbehörde wurden die Nutzung und die  Vorgehensweise der Sanierungsarbeiten abgesprochen. In drei Bauabschnitten sollten die Arbeiten durchgeführt werden. Trotz erheblicher Auflagen des Denkmalschutzes - hier ein besonderer Dank an die Leiterin der unteren Denkmalbehörde  Frau Anna-Maria Voss - konnte der Verein bereits am 17. März 2007 mit einem Turmfest den offiziellen Beginn der Bauarbeiten einläuten. Zuerst wurde der Turm vom Bewuchs befreit, dann erfolgten die Verlegungen der Anschlussleitungen. Durch das Aufsetzen eines flach geneigten Daches mit Glaspyramide wurde das Innere des Turms vor Regen geschützt.

Bereits am 23. Mai 2007 konnte der Verein mit einem Richtfest den ersten Bauabschnitt beenden.  Nach der Rohbauphase stellten die Jonges im Oktober 2007 den Dicken Turm der Öffentlichkeit vor.

Je nach Trockenphasen wurde zügig der Innenausbau vorgenommen. Die Schießscharten wurden mit Fenstern versehen. Eine Projektklasse des Adam-Josef-Cüppers-Berufs-Kollegs fertigte Gitterfenster an, die als zusätzlicher Schutz vor Vögeln eingebaut wurden.

Ein Mauerdurchbruch, der zukünftig als Notausstieg gedacht ist, wurde durch ein Fenster abgedichtet und brachte zusätzliches Licht in das obere Geschoss.

Eine Fußbodenheizung wurde im mittleren und oberen Bereich installiert. In der unteren und mittleren Ebene wurden Bodenfliesen verlegt und in der oberen kamen Eichendielen zur Ausführung.

Der Einbau von Panzerglasplatten zwischen den einzelnen Ebenen mit zum Teil künstlichem sowie natürlichem Licht hebt die Attraktivität der Räume besonders hervor. Der Besucher hat hier die Möglichkeit, von dem künstlich erhellten "Eiskeller" und dem Mittelgeschoss bis zu dem mit natürlichem Licht versehenen Obergeschoss den Dicken Turm von innen zu bestaunen. Der Einbau von Wänden im oberen Bereich trennt eine kleine Küchenzeile, einen Büroraum sowie eine Sanitärzelle ab. Der übrige Raum wurde durch Holztische und –stühle möbliert. Die Gedenktafel im Eiskeller ist durch einen Restaurator überarbeitet worden, sodass alles in neuem Glanz erstrahlt.

Ein Denkmal wurde erstmals nutzbar gemacht und steht nun den "Ratinger Jonges", aber auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Für Stadtbesichtigungen sowie Veranstaltungen hat der Verein eine Nutzerordnung erstellt, sodass zukünftig alles geregelt ist und der Dicke Turm für weitere Generationen erhalten bleiben kann.

Das Vorstandsmitglied Klaus Hamacher betreute und leitete die Arbeiten und kann sich nun zufrieden zurücklegen. Selbst für ihn, den Fachmann, war es eine Baustelle mit vielen Unbekannten.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wohl nie während seiner fast 600-jährigen Geschichte war der Dicke Turm in einem so hervorragenden Zustand wie heute. Aber die Arbeiten hatten auch ihren Preis. Hier gebührt den vielen Spendern sowie den Mitgliedern mit ihren Eigenleistungen ein besonderer Dank. Erst durch sie wurde diese aufwendige Sanierung des historischen Bauwerkes möglich. Erwähnt sei noch die großzügige Unterstützung der Stadt und der NRW-Stiftung. Noch nie hat die NRW-Stiftung ein Baudenkmal in Ratingen, das auf Basis einer privaten Initiative renoviert und saniert wurde, finanziell unterstützt. Hierauf kann der Verein besonders stolz sein.

Am 6. Mai 2009 fand in Gegenwart vieler Ehrengäste dann die offizielle Schlüsselübergabe durch den Bürgermeister Harald Birkenkamp an die "Ratinger Jonges" statt. Der Baas der Jonges, Georg Hoberg, versprach allen Anwesenden, dass der Verein durch die Übernahme gleichzeitig auch die Verantwortung übernommen habe und  hofft, dass der Dicke Turm durch die Nutzung wieder in das Bewusstsein der Bürger und Gäste der Stadt rücken wird. Weiter führte Hoberg an, dass der Dicke Turm vermutlich eine der ersten Fehlinvestitionen in der Stadtgeschichte gewesen sei, denn als der Geschützturm Anno 1460 gebaut wurde, hatte die Waffentechnik den Geschützturm eigentlich längst überflüssig gemacht –

bis jetzt. Die Zukunft soll es zeigen.

 

Dieter Wellmann