Ein „vielversprechender“ Ort

Gedanken zum Besuch der Barbara-Kapelle

 

Viele Menschen sind tagtäglich unterwegs. Die Barbarakapelle am Hauser Ring ist auch ein Zeichen für das Unterwegsein. Sie liegt an einer verkehrsreichen Straße. Mancher wird sie kurz wahr nehmen, vor allem abends, wenn sie angestrahlt wird. Die meisten werden sie übersehen. In früheren Zeiten lag sie auch an einem wichtigen Weg, nämlich am Wallfahrtsweg zum hl. Suitbertus nach Kaiserswerth.

Stichwort „Wallfahrt“. Seit einiger Zeit wieder ein wichtiges Wort, seitdem z.B. Harpe Kerkeling sein Buch geschrieben hat „Ich bin dann mal weg“ und er seine Wallfahrt nach Santiago di Compostella, zum Grab des hl. Jakobus, beschreibt. „Ich bin dann mal weg“, das sagten sich im Mittelalter viele Menschen, um nach Rom, nach Jerusalem, nach Köln oder eben auch nach Santiago aufzubrechen.

Wallfahrt: Zeichen für den Lebensweg, Zeichen für ein Ziel, das über alle innerweltlichen und menschlichen Ziele hinausweist. Der Mensch früherer Zeiten empfand sich als „Gast auf Erden“, wie wir es noch in einem bekannten Kirchlied singen: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Diese Gastrolle wollen wir gar nicht so richtig wahr haben. Wir sind etabliert.


Wenn der Wallfahrer in Rom ankam, dann besuchte er die 7 Hauptkirchen der heiligen Stadt. Sieben an der Zahl. Für jeden Tag der Woche eine. Für jede der sieben Gaben des Hl. Geistes eine. Sieben: eine wichtige Zahl.  Nicht jeder konnte aber nach Rom  reisen. Der Weg war weit und beschwerlich. Also holte man Rom hier nach Ratingen, errichtete sieben Haltepunkte, Kapellen und Kreuze, und konnte so den Weg in Rom nachvollziehen für sich selbst, aber – und das ist ganz entscheidend - für den anderen, den Nachbarn. Wenn der krank war, dann gingen die von nebenan zu den sieben Stationen und beteten für ihn. Man ging stellvertretend ein Stück des Weges für ihn und mit ihm. Offenkundiges Zeichen der Solidarität und der konkreten Nachbarschaftshilfe. Diese unsere Kapelle ist zusammen mit den übrigen sechs Wegzeichen Hinweis auf diese Bereitschaft, in schweren Stunden, in Grenzsituationen  einander beizustehen, für einander da zu sein. Heute nennen wir das soziales Engagement für die Kranken, die alten Menschen, die Migranten und viele andere, die uns brauchen: Nachbarschaftshilfe im 21. Jahrhundert. „So sind wir unterwegs.“ Damals die Menschen, die die Kapelle bauten, wir heute, die wir uns hier versammeln  und das Stück überkommener Geschichte pflegen und für die Menschen unserer Zeit und spätere Generationen zu erhalten.

Seit einiger Zeit ist die Kapelle durch acht Kreuzwegstationen von Bert Gerresheim, dem bekannten Künstler aus Düsseldorf, bereichert worden. Acht Stationen auf dem Leidensweg Jesu. Traditionell besteht der Leidensweg Jesu aus 14 Stationen, die der Pilger, der sich nach Jerusalem auf den Weg machte, ganz bewusst ging und sich so dem Leiden und Sterben unseres Herrn näherte. Auch hier stellen wir fest. Nicht jeder konnte damals so einfach nach Jerusalem pilgern, zumal der Zugang zur Stadt für Christen oft erschwert wurde.

Auch jetzt erleben wir, dass die 14 Stationen über Jerusalem hinaus hier vor Ort eine neue Anschaulichkeit und Nähe erfuhren. Jede Kirche hatte bald 14 Stationen dieses Kreuzwegs. Heute finden wir diesen letzten Weg Christi bildlich dargestellt in fast jeder katholischen Kirche. In der Barbarakapelle haben seit einiger Zeit acht Stationsbilder ihren Platz gefunden. Wir stellen fest, wenn wir die Bilder ansehen, der Künstler hat nicht den Versuch gemacht, eine historisch korrekt abgebildeten Wirklichkeit vorzustellen, sondern es ist Christus auf dem Kreuzweg in unserer Zeit, nicht vor 2000 Jahren. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass Personen der Zeitgeschichte den Kreuzweg begleiten: Wir erkennen Pater Maximilian Kolbe, der in Auschwitz für einen anderen Gefangenen, für einen Familienvater, einsprang und hingerichtet wurde. Er hatte sich stellvertretend gemeldet, damit die Kinder ihren Vater behalten konnten. Wir erkennen mehrfach Mutter Theresa aus Kalkutta, die Nonne, die ihr Leben den Ärmsten der Armen in dieser riesigen Stadt widmete. Wie sie machen es ihre viele Mitschwestern heute nach, die auch stellvertretend auf den Bildern erscheinen. Wir erkennen neben Mutter Teresa auch Edith Stein, die - als Jüdin geboren - als Ordensschwester Teresia Benedicta a Cruce (die vom Kreuz Gesegnete) in Auschwitz umgekommen ist. Wir sehen Karl Leisner aus Kleve, der im KZ Dachau heimlich zum Priester geweiht und später dort ermordet wurde. Wir sehen Papst Johannes Paul II., der u.a. die politische Wende in Osteuropa herbeiführte, so dass wir heute in einer anderen Welt leben als noch vor 20 Jahren. Unter dem Kreuz erkennen wir nochmals Mutter Teresa und Franz von Assisi, die wie Maria und Johannes bei dem Sterbenden ausharren.   

Wir sehen aber auch die Mächtigen, diejenigen, die das Sagen haben, erkennbar zum Beispiel an ihren Amtshüten, eher anonym, aber darum gerade gefährlich: die Macht zeigt sich in ihrer abstoßenden Form. In der Mitte immer Christus, der Geschundene. Es ist aber nicht nur – wie schon gesagt - der Mensch Christus von vor 2000 Jahren, der einem Unrechtsureil zum Opfer fiel, sondern es ist der geschundene Mensch unserer Zeit aus den Konzentrationslagern der Naziherrschaft, aus dem Archipel Gulag der Gewaltherrschaft Stalins. Es ist der, der auch heute noch gefoltert wird,  unschuldig im Gefängnis sitzt und auf Gerechtigkeit hofft. Machtmissbrauch gibt es zu allen Zeiten. Kreuzwege im Sinne von Unrechtswegen gibt es heute wie früher. Zu Unrecht Gekreuzigte gibt es heute wie früher. Wir müssen sie nur erkennen, wahrnehmen und auf Veränderung drängen.

Ein vielseitiges Bildprogramm, dass der Künstler gestaltet hat, und somit den Betrachter herausfordert, provoziert, um darüber nachzudenken, um Schritte zu wagen, die Welt zu verbessern.  

Wir haben die Bilder in unsere Kapelle geholt, gerade weil wir nicht nur ein 350 Jahre altes Bauwerk pflegen und erhalten wollen, sondern weil wir ihren tieferen Sinn, ihre weitergehende Bedeutung, ihr offenkundiges Anliegen in das 21. Jahrhundert herüber holen möchten, das wären:

-         Die Kapelle ist ein Ort des Gebetes, früher und heute.

-         Sie ist Orts-Zeichen der sozialen Verantwortung für den Menschen neben mir, den Nachbarn im direkten und übertragenen Sinn. 

-         Sie ist ein Ort, der mehr Gerechtigkeit für unsere Welt fordert. Eine Forderung, ein Wunsch an jeden, der auf der viel befahrenen Straße vorüber kommt und einen Blick in ihre Richtung wagt.

 

Zusammenfassend möchte ich es auf einen Nenner bringen: Die Barbarakapelle ist ein „sprechender“, ein „vielversprechender Ort“.

Hans Müskens

 

Juli 2010